Eine Reise auf „Gottes Boot“ in die „Ekuni-Welt“ – Gespräch mit der japanischen Bestsellerautorin Ekuni Kaori

DSCF0153
Mit der Schriftstellerin Ekuni Kaori im September 2014 im Shinchôsha-Verlag, Tokyo

Ekuni Kaoris Roman „Gottes Boot“ (神様のボート)war der Erste, den ich auf Japanisch las. Spät abends im Schein der Schreibtischlampe, in meinem kleinen Studentenwohnheimzimmer in Fukuoka . Neben mir zwei gefüllte Reisküchlein, eine Tasse Tee und mein Wörterbuch. Wobei, das mit der „Schreibtischlampe“ ist eigentlich übertrieben. Denn der dazugehörige „Schreibtisch“ bestand aus einem schmalen, ca. 60 cm langen Brett, das irgendein findiger Heimwerker einst zwischen zwei Bücherregale geklemmt hatte. Leider fiel das Brett aus seiner Verankerung, sobald ich mich, vertieft in mein Buch, mit dem Ellenbogen etwas zu stark abstützte. (Eben dieser Schreibtisch sollte übrigens laut den Instruktionen des örtlichen Katastrophenschutzzentrums im Falle eines Erdbebens als schützender Unterschlupf dienen. Zum Glück kam es nie so weit…)

Mit dem Brett flogen auch die Reisküchlein und der Tee – aber das konnte mich nicht daran hindern, mich Abend für Abend erneut in mein Buch zu vertiefen. Ich war im Bann der „Ekuni-Welt“, wie Kritiker und Fans die Literatur der 1964 geborenen Autorin Ekuni Kaori nennen. Die „Ekuni-Welt“ ist eine Welt, in deren scheinbarer Alltäglichkeit sich Risse bilden, durch die der Leser seine eigenen unterbewussten Träume und Sehnsüchte schimmern sieht.

Der Roman „Gottes Boot“ erzählt die Geschichte von Yôko, die mit ihrer kleinen Tochter von Ort zu Ort reist, auf der Suche nach ihrer großen Liebe, die sie einst verlor. Es ist eine „knochenschmelzende“ Liebe, wie Yôko erklärt. Für die Suche nach dieser Liebe gibt Yôko ihre Familie auf, ihre Freunde, ihr Zuhause. Im Nachwort zu dem Roman schreibt Ekuni, „Gottes Boot“ sei ihr bisher gefährlichstes Buch. Weshalb?

Ekuni: Man sagt ja: Liebe macht die Menschen verrückt… In dieser Geschichte geht es darum, dass wenn man jemanden ungeheuer liebt, es besser sein kann, wenn derjenige gar nicht da ist. Denn wenn der Partner, das Objekt dieser Liebe, nicht in der Nähe ist, dann hält die Leidenschaft um so länger, nicht wahr? Die Vorstellung, dass eine Liebe oft stärker ist, wenn der Partner nicht in unserer Nähe ist, hat doch etwas beängstigendes, ja bedrohliches. Im Grunde geht es um Einsamkeit. Auch Menschen, die einen Partner lieben, der in ihrer Nähe ist, lieben ja oft gar nicht diesen Menschen, sondern nur die Vorstellung, die sie sich von ihm machen. Ich finde diesen Gedanken beängstigend. 

Yôko in „Gottes Boot“ lebt ganz für ihre Liebe, so irrational und hoffnungslos diese in den Augen der Umwelt auch erscheinen mag. Selbst Yôkos kleine Tochter beginnt, sich mehr und mehr von der Mutter und ihrer versponnenen Gefühlswelt zu distanzieren. Ja, man bekommt allmählich den Eindruck, dass sich die Rollen vertauschen und Yôko, die Mutter, zum unreifen, uneinsichtigen Kind in der Beziehung wird. Viele der Figuren in Ekunis Romanen haben sich eine kindliche Art bewahrt – sie hängen ihren Träumen nach, erfüllen nicht die Leistungsansprüche der Gesellschaft und werden von ihrer Umwelt daher oft kritisiert oder sogar abgelehnt. Ist der schmerzvolle Abschied von der eigenen Kinderseele vielleicht ein typisch japanisches Problem?

Ekuni: Ich denke nicht, dass das nur in Japan so ist.  Ich glaube, dass man in keinem Land der Welt Applaus bekommt, wenn man sich als Erwachsener kindlich benimmt. Nur in einem sehr intimen Umfeld, bei Menschen denen wir vollkommen vertrauen, sind wir bereit, unsere kindliche Seite zu zeigen. Oder wenn uns starke Emotionen überwältigen, wie große Freude. Kindlichkeit ist so etwas Schönes, ich verstehe nicht, warum kindliches Verhalten in unserer Welt so abwertend behandelt wird. Ich glaube sogar, dass diese Einstellung, dass nur Kinder kindlich sein dürfen und Erwachsene sich erwachsen zu verhalten haben, im Ausland noch stärker ist als in Japan.

Die Brüder Akinobu und Testunobu aus Ekunis Roman „Die Brüder Mamiya“ sind zwei solcher ewigen Kindsköpfe. Sie haben weder besonders tolle Jobs, noch besitzen sie teure Statussymbole oder coole Kumpels – und Freundinnen haben sie erst recht nicht. Doch Akinobu und Tetsunobu, diese „unreifen Aussenseiter“ der Gesellschaft, haben etwas viel wertvolleres: sie haben einander! 2006 lief die Verfilmung von „Die Brüder Mamiya“ in den japanischen Kinos.

Wie kam Ekuni Kaori, die sonst vor allem über die romantische Liebe schreibt, auf die Idee,  die Geschichte einer Geschwisterliebe zu erzählen?

Ekuni: Es war an einem sonnigen Nachmittag. Ich blickte aus dem Taxifenster und sah  zwei junge Frauen auf dem Gehsteig entlang schlendern. Sie sahen sich extrem ähnlich, waren also eindeutig Schwestern. Die beiden trugen ein paar Supermarkttüten mit Süßigkeiten und eine Tüte mit dem Schriftzug einer Videothek. Ich dachte mir, „die gehen jetzt sicher heim und machen sich einen gemütlichen Videoabend zu zweit“. Zu der Zeit war ich bereits verheiratet. Vor meiner Ehe hatte ich zu Hause bei meinen Eltern und meiner kleinen Schwester gewohnt, mit der mich schon immer eine enge Freundschaft verband. Als ich die beiden jungen Frauen sah, musste ich an die Videoabende mit meiner Schwester denken und wurde richtig ein bisschen neidisch. Die haben´s gut! dachte ich. Dabei waren die zwei Frauen schon Ende 20. Die meisten Leute würden die zwei wohl kaum beneidenswert finden. Frauen Ende 20, die sichtlich keinen Mann oder Freund haben, der mit ihnen an diesem sonnigen Tag an den Strand fährt und stattdessen mit der Schwester Videos gucken und Süßigkeiten essen. Das ist nichts worauf man in unserer Gesellschaft stolz sein kann und jüngere Mädchen würden sicher nicht sagen „Ah, so wie die zwei will ich auch mal werden“. Dabei wusste ich aus eigener Erfahrung, wie viel Spaß solche Nachmittage mit der eigenen Schwester machen, viel mehr Spaß als jedes Date mit einem Mann. Ich schreibe ja viele Liebesromane und junge Leserinnen sagen oft „so eine Liebe wie in dem Roman möchte ich auch einmal erleben“. Ich hatte langsam das Gefühl ich mache regelrecht Werbung für die „romantische Liebe“. Deshalb wollte ich eine Geschichte schreiben, die zeigt, dass man auch ohne romantische Liebe genauso viel Freude im Leben haben kann.

Gesellschaftlicher Leistungsdruck scheint Ekuni selbst schon immer fremd gewesen zu sein. Wenn man mit ihr spricht, überträgt sich eine große Leichtigkeit. Die Gewissheit, dass alles im Leben schon irgendwie werden wir.

Ekuni: Ich habe schon als Kind sehr gerne geschrieben. Es war für mich einfach Spaß, eine Art Spiel: Gedichte schreiben, Geschichten schreiben… Als ich dann mit 20 meinen Abschluss an einer Kurz-Universität gemacht hatte stellte ich fest, dass Schreiben eigentlich das einzige ist, was ich kann. Ich habe mich nicht um eine Festanstellung beworben, sondern habe hier und da gejobbt. Aber irgendwie war das alles nix. Ich konnte eben nur schreiben. Als ich die Ausschreibung für einen Literaturwettbewerb in einer Zeitschrift sah, habe ich mich einfach beworben. Der Gewinner erhielt einen Geldpreis  und den konnte ich gebrauchen, also bewarb ich mich. Und gewann. Mit dem Geld bin ich sofort auf Reisen gegangen und hab meine Schwester als Vertretung zur Preisverleihung geschickt. Für mich war das alles nur eine Art weiterer Nebenjob.

Erst als sie den japanischen Femina-Preis erhielt und ein älterer Kollege sie ermahnte, änderte sich Ekunis Einstellung zum Schreiben:

Ekuni: Er sagte: “ so geht das nicht, Schriftstellerei ist kein Nebenjob! Wenn Du schon schreibst, dann mach es ernsthaft.“ Da habe ich begriffen, dass Schreiben nicht bloß Zeitvertreib ist. Damals war ich 26.

Trotzdem: auch heute, 25 Jahre und zahlreiche Auszeichnungen später, geht Ekuni Kaori immer noch lieber auf Reisen, als auf Preisverleihungen. Und die 51 Jährige hat sich, wie so viele ihrer Romanfiguren, ihre kindliche Seele bewahrt.

Ekuni: Als nächstes möchte ich nach Finnland reisen. Ich liebe die Mumins!

Wer mehr über Ekuni Kaori erfahren möchte: Am 3. Dezember um 8:30 läuft auf SWR2 Wissen meine Sendung „Japans Schriftstellerinnen – weibliche Stimmen aus einem Männerland“.

Neugierig geworden auf „Gottes Boot“? Hier gehts zu meiner ausführlichen Buchkritik

„Gottes Boot“ ist auf Deutsch im Ankor Verlag erschienen, in der Übersetzung von Wolfgang E. Schlecht

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s