Krebskrank durch Samsung? Interview mit der koreanischen Arbeitsmedizinerin und Aktivistin Dr. Kong Jeong-ok

Seit einigen Jahren gibt es immer wieder Berichte über ehemalige Samsung-Mitarbeiter, die an Krebs erkrankten. Viele von ihnen starben. Die Organisation SHARPS sieht die Ursache für die Erkrankungen in den Arbeitsbedingungen, die in den Samsung-Fabriken herrschen. Ende Oktober 2015 traf ich Mitglieder von SHARPS, die vor dem Samsung-Headquarter in Seoul ein Protestcamp errichtet hatten.

"Wir wollen nicht, dass Samsung untergeht, wir wollen, dass Samsung ein besseres Unternehmen wird!" Arbeitsmedizinerin Dr. Kong Jeong-ok
„Wir wollen nicht, dass Samsung untergeht. Wir wollen, dass Samsung ein besseres Unternehmen wird!“ Arbeitsmedizinerin Dr. Kong Jeong-ok

Dr. Kong Jeong-ok:

Mit diesem Protest wollen wir Samsung dazu bewegen, Verantwortung zu übernehmen für die Fälle von Krebserkrankungen in den Halbleiter- und Display-Fabriken des Unternehmens. Wir sind eine Aktivistengruppe namens SHARPS, bestehend  aus Opfern, deren Angehörigen, Anwälten und Menschenrechtsaktivisten. Seit acht Jahren kämpfen wir darum, mit unserem Anliegen gehört zu werden. Mittlerweile haben wir 360 Opfer der koreanischen Elektroindustrie gefunden, die an Krebs erkrankt sind, die meisten von ihnen arbeiteten für Samsung. Besonders im Bereich  Halbleiterherstellung. Unseren Untersuchungen nach sind vor allem junge Arbeiter zwischen 20 und 30 Jahren durch die Arbeitsbedingungen in den Fabriken an Krebs erkrankt. Viele von ihnen sind inzwischen tot.

 

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Vor dem Samsung-Headquarter im Stadtteil Gangnam in Seoul haben die Aktivisten ihr Protestcamp errichtet.

 

"Die meisten der Opfer waren junge Frauen. Viele noch Teenager oder gerade Anfang 20."

„Die meisten der Opfer waren junge Frauen. Viele noch Teenager oder gerade Anfang 20.“

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Welche Umstände könnten zu den Krebserkrankungen der Samsung-Mitarbeiter geführt haben?

 

Dr. Kong Jeong-ok:

Ich bin Arbeitsmedizinerin. Von vielen unterschiedlichen Opfern haben wir immer wieder die gleiche Geschichte gehört: sie waren vor ihrer Erkrankung an ihrem Arbeitsplatz ca. 100 verschiedenen Chemikalien ausgesetzt. Nach Aussage von Samsung war die Konzentration sehr niedrig. Das Problem ist: wir wissen nicht genau, was für Chemikalien das waren. Das ist die eigentliche Frage: was genau hat diese Arbeiter krank gemacht oder sogar getötet? Um diese Frage zu klären, brauchen wir Informationen. Ohne die kann kein Experte die Krankheitsursache herausfinden. Das bedeutet, dass wir wirkliche Transparenz brauchen bezüglich der Arbeitsbedingungen. Aber Samsung behauptet weiterhin nur: „wir sind perfekt, alles bei uns ist sicher.  Aber wir können euch keinerlei Einblick in unsere Arbeitsbedingungen gewähren, denn das ist alles unser Betriebsgeheimnis.“  In vielen Ländern gibt es ja so etwas wie ein Betriebsgeheimnis, aber es ist gesetzlich geregelt und garantiert der Öffentlichkeit und den Mitarbeitern ihr Recht auf Information. Aber hier in Korea haben wir eine sehr schwache Rechtsordnung. Und so können die Unternehmen einfach behaupten, dass alles unter das Betriebsgeheimnis falle. In acht Jahren haben wir daher keine einzige Information bekommen bezüglich der Arbeitsbedingungen damals, wie heute.

Wie verliefen die bisherigen Gespräche zwischen SHARPS und Samsung?

Vor drei Jahren schlug Samsung eine Art Gespräch vor und wir willigten in folgende Punkte ein: finanzielle Entschädigung für die Opfer, Prävention weiterer Erkrankungen, sowie eine offizielle Entschuldigung. Wir hatten schon lange Gespräche hinter uns, doch plötzlich stoppte Samsung den ganzen Prozess. Letztes Jahr kam von Samsung dann die Idee, eine Mediation in Anspruch zu nehmen. Wir willigten auch hierin ein.

Doch letztlich, so  Dr. Kong, kam es anders als erhofft…

 

Dr. Kong Jeong-ok:

Samsung stellte sich wieder quer. Nun haben sie ihr eigenes Entschädigungskomitee ins Leben gerufen.  Es gibt jetzt ein Komitee innerhalb der Firma Samsung, das sich mit der Entschädigungsfrage befasst. Sie geben den Opfern Geld und behaupten, dass damit alles erledigt sei.

Und wie verhält sich die koreanische Regierung zu diesem Problem?

 

Dr. Kong Jeong-ok:

Die Regierung hat die Sache sehr ernst genommen und auch ein paar Untersuchungen durchgeführt. Doch der komplette Bericht dieser Untersuchungen wurde nie zugänglich gemacht. Denn Samsung ist mächtig. Der Konzern kann die Regierung unter Druck setzen, nicht den gesamten Bericht zu veröffentlichen. Nur mit Mühe konnten wir einen Teil des Berichts ergattern.

Wie reagieren die Medien in Korea auf die Anschuldigungen gegen Samsung?

 

Dr. Kong Jeong-ok:

In den ersten Jahren haben die koreanischen Medien zu dem Thema geschwiegen. Ein Großteil der Medien wird von Samsung manipuliert, also wiederholen sie nur das, was Samsung selbst behauptet. Viele Journalisten überprüften nicht die Fakten, sondern wiederholten nur die Worte von Samsung.

Was ist das genaue Ziel von SHARPS?

Dr. Kong Jeong-ok:

Unser Ziel ist die Veränderung der Arbeitsbedingungen. In Korea ist die Halbleiter- und Display-Industrie sehr groß. Die Mehrheit der Fabrikarbeiter sind  Frauen, oft noch Teenager oder Anfang 20. Sie sind also sehr jung, erhalten keinerlei Informationen und haben keine Rechte ihre Sicherheit und Gesundheit betreffend. Aber auch für sie gelten die Menschenrechte und dafür kämpfen wir. Die letzten 19 Tage haben wir daher hier vor dem Samsung Headquarter demonstriert, um den Konzern dazu zu bringen, sich einem Dialog zu stellen.  Wir wollen nicht, dass Samsung untergeht! Samsung ist berühmt für seine Produkte und wir wollen, dass Samsung eine noch bessere Firma wird, die berühmt ist, für ihren hohen Standard in Sachen Arbeitsrecht, Menschenrechte und soziale Verantwortung. Ich denke nicht, dass es globalen Standards entspricht, stumm zu bleiben, oder seine Mitarbeiter zu täuschen, in dem man ihnen ein bisschen Geld zusteckt und sie dadurch zum Schweigen bringt. Deshalb geben wir die Hoffnung nicht auf und glauben fest daran, dass Samsung sich eines Tages ändern wird.

 

Dieses Interview gibt lediglich die Meinung der Aktivisten-Gruppe SHARPS wieder. Wer sich ein umfassenderes Bild von dem Fall machen möchte: auf diesem Blog gibt es ein interessantes Interview mit einer Betroffenen. Auch der Spiegel, der Guardian und die Korea Times berichteten.

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