Buchtipp: „Myanmar erzählt“

25 Geschichten zeitgenössischer Schriftsteller aus Myanmar haben die Herausgeber Klaus R. Schröder und Georg Noack zusammengetragen und übersetzt. 25 ganz verschiedene Schicksale.

Zum Beispiel die schöne, von aller Welt umschwärmte Ma Lay, mit der hellen, zarten Haut, die auf die Leidenschaft pfeift, von ihrem Verlobten Enthaltsamkeit fordert und ihn ehrgeizig zu einer Arztkarriere drängt. Das kann ja nicht gut gehen….

Oder Tante Mai Gyote, mit dem „Betelnussdutt“auf dem Kopf, die in Vollmondnächten vor ihrer verfallenen Hütte Zigarren qualmt – um sich danach angeblich in einen krächzenden Geier zu verwandeln. Das ganze Dorf fürchtet sie, hält Tante May Gyote für eine böse Hexe, die einen verfluchen könnte und der man deshalb keinen Wunsch abschlagen darf, egal ob es sich um Erdnussöl, Mittagessen oder Geld handelt. Für Tante May Gyote ein ausgesprochen lukrativer Ruf…

Ganz anders ergeht es einem alten Familienpatriarchen, der, wie der langjährige Diktator General Ne Win, in allen Lebenslagen auf den Rat der Astrologie schwört, während sein Sohn ihn von den Lehren Buddhas überzeugen will.

Der junge Maung Kya dagegen, sucht im vollen Abteil der Pendlerringbahn verzweifelt nach einem Sitzplatz und probiert alle möglichen Taktiken aus, um schneller zu sein als die übrigen Fahrgäste und so in der Gluthitze des Zuges doch noch ein gemütliches Plätzchen zu finden, wo er in Ruhe in seinem Buch schmökern kann. Die Ringbahn- eine Metapher für das Leben, für den ständigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Die Jagd nach dem Sitzplatz – die vergebliche Jagd nach dem Glück, die auch dann nicht endet, wenn die Endhaltestelle bereits nahe ist…

 

Warum Dir das Buch gefallen wird:

In den 25 Kurzgeschichten entfaltet sich ein buntes Panorama des gegenwärtigen Myanmars. So gut wie alle Gesellschaftsschichten kommen zu Wort und jede Geschichte überrascht einen aufs neue. Die Erzählungen zeigen: das heutige Myanmar ist moderner als wir dachten, die Sorgen und Gefühle seiner Menschen ähnlich wie die unseren. Und dennoch gewährt einem der Band vor allem einen faszinierenden, intimen Einblick in eine ganz und gar exotische Kultur, wie er selbst dem abenteuerlustigsten Backpacker normalerweise verschlossen bleiben würde. Den Übersetzern der Geschichten ist es gelungen, die oft von völlig fremden Ritualen und Ideen geprägte Welt der Menschen Myanmars für deutsche Leser ein Stück weit begreiflicher zu machen, ebenso wie die Sehnsucht vieler Burmesen, nach einer neuen, freieren Zukunft. Die Sprache der Geschichten ist klar und schlicht, die dramaturgischen Wendungen dagegen oft verblüffend.

Warum Dir das Buch nicht gefallen wird:

„Saw Hla, Htway Htway, Maung Kya, Than Nyunt…“ die burmesischen Eigennamen machen es einem nicht unbedingt leicht, die Übersicht zu behalten. Da überliest man schnell mal was – und das könnte den Lesegenuss erheblich schmälern. Denn gerade bei diesen kurzen Erzählungen liegt das Entscheidende oft im Detail. Freunde großer Spannungsliteratur kommen bei den, im Großen und Ganzen, eher ruhigen Geschichten nicht auf ihre Kosten.

Warum Du es trotzdem „lesen muuuusst„:

Hand aufs Herz: wie viele Bücher burmesischer Autoren hast Du bereits gelesen? Na also, Zeit wirds 😉 Die Geschichten eignen sich außerdem hervorragend zum gegenseitigen Vorlesen (ich muss nur noch ein geeignetes Opfer finden) und anschließendem Gespräch. Denn auch wenn viele kulturelle und politische Anspielungen für westliche Leser sicher schwer zu erkennen sind: die Erzählungen, mit ihren oft überraschenden Wendungen, lassen dem Leser viel Raum für eigene Interpretationen und man kann deshalb wunderbar darüber diskutieren, spekulieren….

Und dazu?

Gekühlte Kokos-Reismilch und Mangobällchen (gibts beides im Bioladen). Oder man macht es wie der Erzähler in der Kurzgeschichte „Die nutzlose Frau“ und gönnt sich erstmal eine Flasche Schnaps, dazu frittierte Kichererbsen und zwei Stück getrocknetes Rindfleisch 🙂 Mit Schnaps lässt sich ja außerdem auch viel besser über das Gelesene diskutieren 😉

„Myanmar erzählt: 25 zeitgenössische Kurzgeschichten“ ist erschienen bei Reise Know-How Edition und kostet 14,90 Euro

Mehr zu meiner Buchtipp-Philosophie

650

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Buchtipp: „Myanmar erzählt“

  1. Wenn du in erreichbarer Nähe wärst, hättest du ein geeignetes Opfer gefunden. Schmöker mich durch deine Buchtips und finde sie verlockend (und mitreißend).

    LG von der Rabin

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    1. Oh vielen Dank! Entschuldige, dass ich erst jetzt antworte… Ich war die letzten Wochen so im Stress, dass ich überhaupt nicht dazu kam in meinen Blog reinzuschauen. Und jetzt gucke ich rein und habe gleich so einen netten Kommentar! Danke 🙂

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