Buchtipp: „Grotesk“ von Natsuo Kirino

Es gibt menschliche Monster. Die 15 Jährige Yuriko ist so eines. Sie ist monströs. Monströs schön. Und deshalb liegt Yuriko die Welt zu Füßen. Sie braucht keine Intelligenz und auch keinen besonderen Charme, um das zu bekommen, was sie will. Weder der verheiratete Freund der Eltern kann sich ihrer Macht entziehen, noch die verwöhnten Knäblein auf Yurikos elitärer Privatschule, denen sie schon bald das elterliche Geld aus der Tasche zieht. Mit ihrer Schönheit macht Yuriko ihrer Umgebung bereits als Kind regelrecht Angst – doch im Grunde ist sie von Anfang an zum Opfer bestimmt.

„Grotesk“ ist keine gewöhnliche Lolita-Geschichte über ein nymphomanes Püppchen. Das Monster Yuriko ist vielmehr die Ausgeburt der Hölle – und diese Hölle ist die japanische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die in extremem Maß auf Leistung und Status fixiert ist und in der Frauen noch immer ganz unten in der Nahrungskette stehen. Das Monster Yuriko kann in dieser von Männern beherrschten Welt nur mit Sex ihre Macht ausüben. Ihre Schulkameradinnen Mitsuru und Kazue versuchen dagegen von klein auf vergeblich, durch Leistung Anerkennung zu erlangen. Erzählt wird der Roman aus verschiedenen Perspektiven, vor allem aber aus der rückblickenden Sicht von Yurikos unscheinbarer Schwester, die gleich zu Beginn verrät, was aus der Schönheit von einst geworden ist:

„Wahrscheinlich wissen Sie es schon, aber Yuriko ist vor ungefähr zwei Jahren gestorben. Sie wurde ermordet. Ihre Leiche wurde halbnackt in einem billigen Apartement, gefunden, im Tokioter Stadtteil Shinjuku. (…) “ (aus „Grotesk“ von Natsuo Kirino, Übersetzung: Rainer Schmidt, Goldmann Verlag

Kirino beschreibt immens fesselnd und mit präziser Grausamkeit Yurikos Abstieg von einer geradezu überirdisch wirkenden Schönheit zu einer zerstörten Frau, der nichts bleibt, als die Prostitution und die am Ende, ermordet von einem ihrer Freier, zum Opfer ihres eigenen Machtinstruments, der Sexualität, wird. Dass dieser Plot nicht zu einem „frauenbewegten“ Sozialdrama ausartet, sondern sich vielmehr zu einer bitterbösen Gesellschafts-Farce entspinnt, liegt an Kirinos psychologisch äußerst raffinierter Erzählkunst und der Vieldeutigkeit der Geschichte. Yurikos abnorme Schönheit beispielsweise, rührt auch daher, dass sie ein europäisch-japanisches Halbblut ist – die Verkörperung der japanischen Sehnsucht nach Verschmelzung mit dem Westen, welche die Intellektuellen des asiatischen Inselreichs seit Ende des 19. Jahrhunderts umtrieb. Gleichzeitig ist Yuriko somit auch ein typisches Produkt unserer globalisierten Welt – und des sie beherrschenden Kapitalismus.

Und dann wären da noch die verschiedenen Nebencharaktere: Yurikos namenlose, von der Natur benachteiligte Schwester, deren Lebensenergie sich aus Neid, Hass und Zynismus speist, die geistig hochbegabte Mitsuru, die auf der Suche nach Bestätigung in die Fänge einer terroristischen Sekte gerät und Kazue, das Mauerblümchen, die fest an die Zauberformel „Tu dein Bestes“ glaubt und ihrem Idol Yuriko bis zum bitteren Ende hin nacheifert – sie alle sind die grotesken Produkte einer kranken Gesellschaft. „Ganbare – tu dein Bestes“, ist vielleicht der Leitspruch, der die Geschicke Japans und seiner Menschen seit Ende des Zweiten Weltkriegs am meisten geprägt hat. Die Überzeugung, dass nur 150%ige Leistung und Hingabe, einen für die Gesellschaft wertvoll machen. Kirinos Roman zeigt, dass Frauen selbst dann die Anerkennung verwehrt bleibt, wenn sie sich sklavisch an diesen Leitspruch halten. Nur „monströse Schönheit“, kann ihnen für kurze Zeit Autonomie verschaffen. Der Autorin gelingt es zudem, ihre Roman-Protagonisten so facettenreich zum Leben zu erwecken, dass man vieles, wenn nicht gar alles, irgendwie wieder erkennt und mit Grausen feststellen muss: nicht nur Japan, die ganze Welt ist GROTESK.

 

Warum Dir das Buch gefallen wird:

Kirino Natsuo (ich schreibe japanische Namen lieber so, wie sie eigentlich gehören, nämlich „falsch herum“:-) ) ist eine Meisterin der Spannungsliteratur. Dazu beherrscht sie die hohe Kunst, Figuren psychologisch so minutiös und glaubwürdig zu zeichnen, dass selbst deren sonderbarste Verhaltensauffälligkeiten absolut nachvollziehbar, ja sogar verständlich werden. „Grotesk“ zieht einen in einen magischen Lesesog, auch wenn es für die eigene seelische Gesundheit ab und an besser wäre, das Buch schnell zu zuklappen. Womit wir beim nächsten Punkt wären…

 

Warum Dir das Buch nicht gefallen wird:

Das Buch ist drastisch, fies, abgründig, ausweglos und ab und an eklig und brutal. Du wirst Alpträume bekommen! Ich zumindest hatte sie. Und das genau in der Nacht, bevor ich Kirino Natsuo in der Nähe von Tokyo zum Interview traf… Auch während ich schon auf den Klingelknopf ihres Büro drückte, war mir noch etwas flau im Magen. Was für eine Frau erwartet mich da, die derart böse Geschichten schreiben kann? (Mehr dazu in meinem nächsten Blog-Post). Manche Kritiker meinten jedoch auch, „Grotesk“ sei nicht so rund und gelungen wie Kirinos zuvor erschienener Thriller „OUT“ (dt. „Umarmung des Todes“, Goldmann Verlag).

 

Warum Du es trotzdem lesen muuuust:

Weil diese Kritiker doch gar keine Ahnung haben!!! „Grotesk“ ist anspruchsvoller als „OUT“, denn es geht noch mehr in die Tiefe, ist vielschichtiger und daher nicht der typische, auf ein klar definiertes Ende zulaufende Thriller, den viele so lieben. Es ist überhaupt kein Thriller, sondern das makabere Psychogramm einer Gesellschaft, die vor dem Niedergang steht. Kirino Natsuo lässt in diesem Buch anhand des Schicksals ihrer Figuren vor allem Japans sogenanntes „verlorenes Jahrzehnt“ Revue passieren, jene letzte Dekade des 20. Jahrhunderts, die in Nippon überschattet war von wirtschaftlichen Krisen, dem Erdbeben in Kobe und den Anschlägen der AUM-Sekte. Ein Jahrzehnt des grausamen Erwachens. Für alle, die sich für Japans Entwicklung der letzten 30 Jahre interessieren ist dieser Roman daher eh ein MUSS. 🙂

 

Und dazu?

Kaffee. Schwarz.

 

 

„Grotesk“ ist im Goldmann Verlag erschienen.

Wenn Du mehr über Kirino Natsuo (und andere jap. Gegenwartsschriftstellerinnen) und ihre Sicht auf Japan erfahren willst, gibt es hier für Dich den Link zu meiner SWR2-Sendung. Darin ist mein Interview mit der Autorin zu hören und es wird Kirinos, erster auf Deutsch erschienener Roman, „OUT“ – „Umarmung des Todes“ vorgestellt.

 

 

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2 Gedanken zu “Buchtipp: „Grotesk“ von Natsuo Kirino

  1. ich habe die Umarmung des Todes gelesen bzw. Wollust, wie es in der Sonderausgabe hieß. Danach war auch erstmal nichs mehr mit Schlafen. Ein wirklich krasses Buch – und du hast völlig recht, so grauslig die Handlung auch war – sie war in jedem Detail nachvollziehbar. Was man als Autor erstmal so gut hinbekommen muss.

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    1. Danke für den Kommentar 🙂 Es freut mich, dass es Dir genauso ging beim Lesen. An sich mag ich solche Bücher gar nicht so, aber wenn sie so gut geschrieben sind, lassen sie einen nicht mehr los, stimmts? „Wollust“ finde ich sehr viel treffender für den Titel als „Umarmung des Todes“. Auf Japanisch heißt das Buch ja witzigerweise Englisch „OUT“, was auf diesen Zustand der Figuren am Rande der Gesellschaft hinweisen soll. Aber „Wollust“ in ihrer perversesten Form ist ja schließlich auch ein zentrales Thema in dem Roman. Ich hatte ja wirklich etwas Bammel, die Autorin dieser genial-düsteren Werke zu treffen – aber sie war einfach richtig nett! Hoffe ich komme demnächst endlich dazu den Artikel hierzu online zu stellen… Liebe Grüße, Isabella

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