お休みなさい O-yasumi-nasai Gute-Nacht-Märchen aus Asien

 

Heute:  

Die junge Braut, die niemals aß

Vor langer Zeit lebte in einem Bergdorf in Japan ein Mann, der weit und breit für seine Habgier bekannt war. Eines Tages holte dieser alte Geizhals sich eine junge Braut ins Haus, die ganz nach seinem Geschmack war, wunderschön, mit einer Haut, weiß schimmernd wie Schnee, Haaren schwarz wie Tusche und einem roten Mündchen das stets milde lächelte. Doch was dem Mann am besten an ihr gefiel: sie hatte nie Hunger und aß rein gar nichts! Den ganzen Tag arbeitete sie unermüdlich im Haus, ohne den Alten auch nur ein Reiskorn zu kosten. Die Schöne war nicht nur genügsam und fleißig, sondern auch überaus fürsorglich und aufmerksam. Sie las ihrem Gemahl buchstäblich jeden Wunsch von den Augen ab. „Ach, jetzt wäre eine Schale Buchweizennudeln recht,“ dachte der Geizige und ehe er sich versah, stand schon eine köstlich duftende Schale Buchweizennudelsuppe vor ihm auf dem Tisch. Und wenn es ihn nach Reisküchlein mit süßem Bohnenmus gelüstete? Schwupp, schon reichte ihm seine schöne Braut einen Teller mit dampfenden, warmen Küchlein. Sie selber freilich rührte nichts von all den Köstlichkeiten an, sondern lächelte bloß milde. Ihr kleiner Kirschmund öffnete sich nie, weder um einen Bissen zu kosten, noch um ein Wort der Klage über ihre schwere Arbeit zu verlieren. „Ist sie nicht das beste und prächtigste Eheweib, das man sich wünschen kann?“ Der Geizige war ganz vernarrt in seine junge Frau – doch allmählich begannen Zweifel und Sorgen an ihm zu nagen. Ob die Schöne wohl auch immer so schön, fleißig und genügsam bleiben würde? Er beschloss, seine Braut auf die Probe zu stellen. Eines Tages kam er früher als gewöhnlich von der Feldarbeit heim, schlich sich heimlich ins Haus und lugte durch einen Spalt der Schiebetür in die Küche. Dort saß seine junge Braut, schön und milde lächelnd wie immer und rührte in einem Topf mit Reis, der auf dem Feuer stand. Doch was war das?! Mit einem mal strich sich die Frau die schwarz glänzenden Haare zurück, die ihr sonst so liebreizend über die hohe Stirn fielen. Der Geizige wurde fast ohnmächtig vor Entsetzen. In der Stirn der Schönen klaffte ein riesiges, weit geöffnetes Maul, in dem spitze Zähne blinkten! Eine dicke rote Zunge kam gierig kreisend zum Vorschein und Speichel floss aus den Mundwinkeln. Die Frau griff einen großen Löffel und schaufelte den ganzen Reis aus dem Kochtopf in das sabbernde, gierige Maul in ihrer Stirn und ihre sonst so sanften Augen blitzten vor Vergnügen. Als sie damit fertig war, strich sie sich die Haare über die Stirn und sah wieder genauso sanft und lieblich aus wie zuvor. Der alte Geizhals erkannte, dass er betrogen worden war. Rasend vor Zorn sprang er aus seinem Versteck hervor und brüllte seine Frau an, dass er auf der Stelle die Scheidung verlange. Niedergeschlagen willigte sie ein und bat unter Tränen, ob sie wenigstens den Badezuber, den sie selbst gefertigt hatte, als Andenken mit in ihren Heimatort nehmen dürfe. Der Geizige zögerte erst, doch da er nicht wollte, dass die Nachbarn das laute Geheule der Frau mitbekamen, gab er ihr den Zuber. „Guck nur erst selbst hinein, und überzeuge dich, dass nichts wertvolles darinnen ist,“ sprach die Frau, mit süßlicher Stimme. Der Mann steckte seinen Kopf in den Badezuber – da packte die Frau seine Beine und schmiss den Geizigen in den Trog. Dann setzte sie einen Deckel drauf und nahm ihre wahre Dämonengestalt an. Der Dämon packte den Badezuber mitsamt dem kläglich um Hilfe schreienden Geizhals und raste, schnell wie der Wind, in die Berge, bis in seine dunkle Dämonenbehausung. Dort stellte er den Zuber ab und machte sich freudig glucksend auf den Weg, seine übrigen Dämonenfreunde zu rufen, um sie zum Festmahl zu laden. Der Geizige aber nutzte die Gelegenheit, stemmte mit aller Kraft den Deckel vom Zuber und rannte, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, aus der Behausung des Dämons geradewegs in ein Moor, in dem Beifuß und Wasserlilien in großer Zahl wuchsen. Die Dämonen jagten hinter dem Mann her. Doch als sie den vielen Beifuß und die Wasserlilien sahen schreckten sie zurück. Denn wenn Beifuß oder Wasserlilien einen Dämon berühren, beginnt sein Körper sich aufzulösen. Den Dämonen blieb daher nichts anderes übrig, als den köstlichen Leckerbissen von Geizhals laufen zu lassen. Seit dieser Zeit aber weiß man, dass Beifuß und Wasserlilien vor Dämonen schützen.

 

Nacherzählt aus dem Japanischen von Isabella Arcucci

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