Sakura, Sakura….Kirschblüte in Japan

Sakura no hana, die Kirschblüte….sie ist in Japan  so etwas, wie eine Nationalblume. 

Alles begann wohl mit Sakuya-bime, der Prinzessin Blühend-wie-die-Baumblüte. Sie war so schön und zart wie die Blüten der Kirschbäume. Der Enkelsohn der Sonnengöttin Amaterasu verliebte sich in Sakuya-bime und nahm sie zur Frau. Sehr zum Kummer von Sakuya-bimes verschmähter Schwester Ihanaga-hime, Prinzessin Lange-während-wie-der-Fels. Aus Wut über die ihr zugefügte Kränkung verfluchte Ihananga-hime das Brautpaar: die Kinder des Himmelssohnes und der Sakuya-bime sollten mit der Zeit altern, schwach werden und sterben, so wie auch die Kirschblüten welken und tot vom Zweig fallen.

Sakuya-bime gebar dem Himmelssohn die ersehnten Söhne, die Ahnen des japanischen Volkes. Doch der Fluch der eifersüchtigen Felsschwester erfüllte sich. Bis heute ist es das Los der Menschen geblieben, mit den Jahren immer mehr dahin zu welken und zu sterben, wie die Kirschblüten…

So berichtet es das Nihonshoki, das um 720 verfasst wurde und die Mythologie des japanischen Kaiserhauses erzählt.

 

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Kirschblüten in der Nähe von Kurume auf der Hauptinsel Kyûshû in Südjapan

Zu der Zeit, als die Erzählung der schönen Sakuya-bime niedergeschrieben wurde,  galt die Bergkirsche in Japan als heiliger Baum. Die Bauern in einigen Regionen Japans glaubten, der Berggott schwebe auf Kirschblütenblättern ins Tal, um für eine reiche Reisernte zu sorgen. Mit Festgelagen unter Bergkirschen baten die Menschen um Erntesegen.

Und geselliges Beisammensein unter Kirschblüten, sogenannte hanami 花見, „Blumenschauen“, finden in Japan noch heute in jedem Frühjahr statt, wie hier im berühmten Ueno-Park in Tokyo.

Ueno-Park 2

 

In der Heian-Zeit, also etwa um das Jahr 1000 nach Christus, pflegten die vornehmen Damen und Herren am Kaiserhof die Schönheit der Kirschblüten, der sakura no hana, zu bewundern und anrührende Gedichte über deren vergängliche Schönheit zu verfassen. Denn das strahlende Weiß und sanfte Rosa der herrlichen Blüten währt nur wenige Tage. Dann fallen die Blüten ab und erinnern den wehmütigen Betrachter daran, dass auch sein eigenes Leben vergänglich ist. Damit wurde die Kirschblüte in Japan auch zu einem Symbol, das eng verknüpft ist mit dem Buddhismus. Denn die Auffassung, dass Leben Leiden bedeutet und dass alles letztlich vergehen muss, ist eine der Grundwahrheiten des Buddhismus.

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Kirschbaum an einem Tempel in Tôkyôs altem Stadtviertel Yanaka.

Mono no aware nennt man in Japan dieses Gefühl der Wehmut, welches den japanischen Adel beim Anblick der Blüten überkam. Mono heißt so viel wie „Ding“. Aware dagegen kann zum einen „angerührt sein“ bedeuten, oder auch einfach ein Ausruf der Ergriffenheit sein. Der Japanologe Prof. Peter Pörtner übersetzt den Begriff Mono no aware als: das „Herzzerreißende der Dinge“.

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Als „herzzerreißend“ schön empfinden viele Japaner sakura, die Kirschblüte, noch heute. Kirschblüten-Gedichte werden heute leider immer weniger gemacht – dafür umso mehr Fotos!

 

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Die Schönheit der Kirschblüte harmoniert nicht nur gut mit alten Tempeln und Schreinen, sondern auch mit Tôkyôs moderner Skyline.

 

Wer heute in Japan zum hanami in die großen Parks strömt, denkt allerdings wohl kaum an seine eigene Vergänglichkeit, sondern vielmehr an feucht-fröhlichen Picknick-Spaß mit Familie, Freunden und Kollegen.

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Hanami im Ueno-Park in Tôkyô

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Ueno-Park Mülltrennung
Ordnung muss sein! Blütenreine Mülltrennung beim hanami im Ueno-Park.

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Eines der schönsten Erlebnisse während der Kirschblüte in Japan ist sicher ein nächtliches hanami unter angestrahlten Kirschbäumen, wie hier am Ufer des Sumida-Flusses in Tôkyô.

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„Mono no aware“? Moderne Japaner haben beim hanami ein neues Motto: „Hana yori dango“. Frei übersetzt etwa „weniger Blüten gucken, mehr Reisklöße essen“. Wobei man dango, Reisklöße, wohl noch eher durch sake, Reiswein, ersetzen sollte…

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Allerdings:

Für junge Menschen verkörpert die Kirschblüte auch heute noch eine Art Abschied. Denn in Japan ist der Frühling die Jahreszeit, in der das alte Schuljahr endet und das neue beginnt. Das bedeutet einerseits Abschied nehmen von einem Stück Kindheit…

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…zum Beispiel mit einem Foto unter Kirschblüten , mit dem Mittelschulzeugnis in der Hand..
Uniabschluss
…und andererseits symbolisiert die Kirschblüte auch den Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt und ein letztes, unbeschwertes  Zusammensein mit den Uni-Freunden, wie hier an einer Universität in Tôkyô.

 

Doch wie so vieles Schöne Auf der Welt, so wurde auch die Kirschblüte im Laufe der Geschichte zu niederen Zecken missbraucht.

„Kirschblüten“ so nannte man während des Zweiten Weltkriegs die japanischen Kamikaze-Flugzeuge, an deren Seite ein rosa Blütenemblem prangte und in deren Inneren sich eine Bombe befand. Die Aufgabe der Piloten war es, ihr Flugzeug geradewegs in ein feindliches Ziel hineinzusteuern – und mitsamt der Bombe zu explodieren. Auch U-Bootpiloten wurden auf diese Weise eingesetzt.

Die meisten der Kamikazepiloten waren Studenten. Viele von ihnen zwangsrekrutiert. Die Militärpropaganda verglich die jungen Männer, die in der Blüte ihrer Jugend ihr Leben lassen sollten, mit abfallenden Kirschblüten. Die reine Schönheit der sakura no hana, sie sollte für die edle Gesinnung der Männer stehen, die, gemäß der Tradition der Samurai, Ehre und Loyalität über das eigene Leben stellten.

Noch heute werden die Seelen der gefallenen Kamikaze-Piloten in den Blüten der Kirschbäume verehrt, die in  Japans umstrittenen Yasukuni-Schrein blühen.

Wie weit die Instrumentalisierung der Kirschblüte zu militaristischen und menschen-verachtenden Propagandazwecken ging, lässt sich anhand des Militärliedes douki no sakura、同期の桜、“Zwei Kirschblüten desselben Jahrgangs“, gut nachvollziehen. Da es zu Douki no sakura zwar viele Videos auf Youtube  gibt, diese aber meist nationalistisch gefärbt sind, bzw. mit wenig reflektierten Kommentaren auf Japanisch, Englisch und leider auch Deutsch garniert wurden, habe ich mich entschieden, hier keinen Link zu setzen.

Yanaka-Friedhof Tokyo

Kirschblüten auf dem Friedhof im alten Stadtteil Yanaka in Tôkyô. Hier spürt man es noch, das Gefühl des mono no aware

 

 

Als sich im März 2011 die verheerende Dreifach-Katastrophe in Fukushima ereignete, standen in einigen Regionen Japans die Kirschbäume bereits in voller Blüte. Die Kirschblüte wurde einmal mehr für die Japaner zum Sinnbild der Vergänglichkeit.

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Kirschblüte in Arita, Kyûshû, Südjapan

 2016 erschütterte erneut ein schweres Erdbeben die südliche Hauptinsel Kyûshû und hinterließ furchtbare Zerstörung. Auch diesmal war es Frühling und die Kirschen in vielen Teilen des Landes blühten …

Die blühenden Kirschbäume, einmal mehr eine Mahnung dafür, dass alles Leben wieder vergehen muss?

Man könnte die Kirschblüten aber auch als ein Zeichen sehen. Ein Zeichen dafür, dass nichts endlich ist, sondern dass in jedem Ende auch ein Neuanfang liegt – der Hoffnung birgt!

„Endlich bist du für uns erblüht!

Den tagelang anhaltenden Nachbeben mit deinen zarten Zweigen trotzend…

Wahrhaftig, die Kirschblüte der Hoffnung.“ 

Aus einem japanischen Internetblog, verfasst kurz nach der Erdbebenkatastrophe von Fukushima.

 

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Wer mehr über die Symbolgeschichte der Kirschblüte erfahren möchte:

auf Bayern2 radioWissen gibt es den Podcast zu meiner Sendung Zwischen Buddhismus und Kamikaze – die Symbolwelt der japanischen Kirschblüte . Die Regisseurin Christiane Klenz und die Sprecher Caroline Ebner, Stefan Merki und Thomas Loibl haben das Manuskript wunderbar vertont, wie ich finde. Leider habe ich es damals (eine meiner frühen Sendungen) versäumt, eine Aussprachehilfe für die Produktion bereit zu stellen. Deshalb ist die Aussprache der japanischen Begriffe teilweise arg daneben…Dafür bitte ich um Verzeihung und sage 申し訳ございません!

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2 Gedanken zu “Sakura, Sakura….Kirschblüte in Japan

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