In der Heimat der japanischen Koi

Eine alte chinesische Legende erzählt die Geschichte eines heldenhaften Karpfens. Doch, so was gibts. Der dicke Karpfen nämlich, nimmt all seine Kraft zusammen und schwimmt einen Wasserfall hinauf. Oben angekommen verwandelt er sich in einen prächtigen, bunten Drachen.

In Ostasien gilt daher der Karpfen、jap. koi 鯉, als Symbol für Mut und Kraft. Und am 5. Mai, dem traditionellen „Knabenfest“ (heute kodomo no hi 子供の日, „Tag der Kinder“ genannt) flattern in Japan  noch heute Windsäcke in Karpfenform an vielen Häusern, in denen Kinder, besonders Buben, wohnen. Denn diese bunten Karpfen sollen vor allem den Söhnen einer Familie Kraft und Gesundheit verleihen. Koinobori  鯉のぼり Karpfenfahnen, heißt dieser Brauch. Ein echtes Highlight, nicht nur für Papa und Sohnemann, wie in diesem netten Youtube-Video gezeigt.

 

Und wenn dann der Wind ordentlich bläst, sieht es aus, als ob die Karpfen tatsächlich einen unsichtbaren Wasserfall hinauf schwimmen würden.

Der Text des Liedes lautet übrigens: „Karpfenfahnen höher als das Dach des Hauses, der große schwarze Karpfen ist der Vater, die kleinen Goldkarpfen (oder Purpurkarpfen) sind die Kinder, und wie lustig sie dahin „schwimmen“.“

Doch bunt flatternde Stoffkarpfen allein waren mir nicht genug…

Ich machte mich daher bei meiner letzten Japan-Recherchereise auf in die Präfektur Niigata (im Nordwesten der Hauptinsel Honshu gelegen), genauer gesagt in das ehemalige Dorf Yamakoshi, das heute zur Stadt Nagaoka gehört. Yamakoshi gilt als Heimat der Nishikigoi 錦鯉、der sogenannten „Brokatkarpfen“. Ihren klangvollen Namen verdanken die Fische der prächtigen bunten Färbung ihres Schuppenkleides. Bei uns kennt und liebt man sie inzwischen auch, allerdings schlicht und einfach als „Koi„.

Mit dem Koi-Züchter Herrn Matsuda fuhr ich auf verschlungenen Bergstraßen durch die wunderschöne Landschaft  um Yamakoshi.

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Die Gegend ist bäuerlich geprägt. In diesem Haus wohnt einer von Herrn Matsudas Freunden. Es ist eines der wenigen Häuser, die das schwere Erdbeben von 2004 überstanden haben.

 

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Die Winter hier sind lang. Während wir vorbei fahren an kleinen, verwunschenen  Tempeln und Bauernhäusern erzählt mir Herr Matsuda von den Meter hohen Schneemassen, die sich jeden Winter vor den Eingängen der Häuser und auf den Dächern türmen. Dieser harten Witterung jedoch verdanken wir heute die faszinierend schönen Buntkarpfen. Denn die Bauern, die Anfang des 19. Jahrhunderts in dieser bergigen Gegend lebten, waren besonders im Winter abgeschnitten von der Welt des übrigen Japans und fern ab vom Meer, das für viele Bewohner des Inselreiches eine der wichtigsten Nahrungsquellen darstellte. Doch die Not machte die Menschen der Bergdörfer erfinderisch. In den Sommermonaten züchteten die Bauern Wildkarpfen, die sie in kleinen Weihern und in ihren reich bewässerten Reisfeldern hielten. Das Fleisch der Karpfen gab den Bauern Kraft in einem langen Winter.

Einige der Karpfen gaben die Bauern zum Überwintern in schlammige Weiher, die sie zum Bewässern ihrer Reisfelder nutzten. im Frühsommer schlüpften aus dem Laich der Karpfenweibchen, neue, kleine Karpfen, die samt dem Wasser in die Reisfelder gespült wurden. Doch unter den grau-silbernen Karpfen, die da zwischen den Reispflänzchen hindurch schwammen, waren auch ein paar wenige, deren Schuppen leuchteten: in strahlendem rot und weiß. Die Bauern wurden neugierig. Sie begannen, die farbigen Karpfen von den übrigen zu trennen und miteinander zu kreuzen. Es war der Beginn der Koi-Zucht in Japan.

Lange Zeit war die Koi-Zucht vor allem eine Art Freizeitspaß. Auch für die Familie von Herrn Matsuda, wie er mir erzählt.

Meine Familie hat, was die Koi-Zucht angeht, eine sehr lange Tradition. Auch Nebenlinien der Familie haben mitgeholfen. Die Koi-Zucht war einfach auch etwas, das Freude bereitete. Es kamen nicht nur Kunden, die die Fische kauften, sondern auch Leute, die ihre eigenen Kois meiner Familie zur Begutachtung brachten und fragten „schaut mal, dieser Nishikigoi ist in meinem Teich geschlüpft, was haltet ihr von ihm? Taugt er was?“ 

Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurden mit Japans Wirtschaftsaufschwung die schillenrden Koi zu regelrechten Statussymbolen – und traten bald auch ihren internationalen Siegeszug an. Heute ist die Koi-Zucht für Herrn Matsuda ein Fulltime-Job. Und allmählich öffnet sich während unserer Fahrt der Blick…

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….Auf die Naturteiche, in denen sich Herrn Matsudas Jung-Koi tummeln.

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In diesen schlammigen Naturteichen tummeln sich junge Buntkarpfen. Die gespannten Fäden sollen Reiher und andere „Bösewichte“ fernhalten.

 

Vor dem Gespräch war ich zunächst in Sorge, ob Herr Matsuda vielleicht einen starken Dialekt sprechen würde und ich ihn dann möglicherweise kaum verstehen könnte. Aber zum Glück gab es keine Probleme 🙂 Der Anfangs noch etwas verschlossen wirkende Herr Matsuda taute mit der Zeit richtig auf und erzählte auch die ein oder andere Anekdote.

Als ich ein kleiner Bub war habe ich mir einmal eine Angelrute geschnappt und damit einen Koi aus unserem eigenen Teich geangelt. Mein Papa hat mich natürlich ordentlich ausgeschimpft.“

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Heute angelt Herr Matsuda seine Koi natürlich nicht mehr aus dem Teich! Stattdessen verwöhnt er sie mit besonders gutem Futter.

DSCF0298 - Kopie

 

Koi-Kenner betrachten den Fisch stets von oben. Die Körperform muss harmonisch sein und der Kopf darf nicht zu spitz zu laufen. Die Farbe der Musterung sollte so intensiv sein, dass die einzelnen Schuppen nicht mehr erkennbar sind.Außerdem müssen die verschiedenen Farbmuster sich klar voneinander abgrenzen und dürfen nicht ineinander verschwimmen.

Koi sind sensible Schönheiten. Und ganz nach dem Motto „du bist was du isst“, werden die Karpfen heute von ihren Züchtern regelrecht „schön gefüttert“, wie Herr Matsuda erklärt:

Wenn man früher im Haushalt etwas Reis vom Abendessen übrig hatte, wurde das an die Koi verfüttert. Heute geben wir den Koi nur Nahrung, die von Futtermittelherstellern produziert wurde. Es gibt zum Beispiel Futter, das das Wachstum der Fische ankurbelt und welches, das für ein intensiver leuchtendes Farbmuster sorgt.“

Seit über 100 Jahren hat sich die Familie Matsuda der Koi-Zucht verschrieben. Herr Matsuda arbeitet sieben Tage die Woche. Einen Feiertag kennt er nicht Die Koi-Farm ist sein ganzer Stolz, den er nach dem schweren Erdbeben in der Region Nagaoka im Oktober 2004 mühsam wieder aufbauen musste.

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Die Matsuda-Koi-Farm. In der Mitte prangen in roter Schrift, nicht zu übersehen, die Schriftzeichen 錦鯉 für nishikigoi, „Brokatkarpfen“.

In den warmen Becken der „Gewächshäuser“ der Matsuda-Koi-Farm schwimmen jene Koi, die alt genug für den Verkauf sind.

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Es gibt Koi mit weiß-roter oder weiß-rot-schwarzer Farbzeichnung. Koi, die wie Japans Flagge einen roten Kreis auf der weißen Stirn tragen, Koi deren gesamtes Schuppenkleid golden oder platinfarben leuchtet… „Schwimmende Edelsteine“ so werden die Koi in Japan häufig genannt.

 

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Es war nicht einfach, die quirligen Kois in ihren Wasserbecken zu fotografieren. Nicht nur weil sie partout nicht still posieren wollten, sondern auch, weil ich  aufpassen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und ins Wasser zu plumpsen. Samt Kamera und Mikro…Herr Matsuda meinte aufmunternd: „Eine chinesische Journalistin aus Hongkong, die mal da war, ist mir schon reingefallen.“

 

Die Koi-Zucht ist ein hartes Konkurrenzgeschäft, aber es kann sich lohnen. Denn die Spannbreite der Preise für Koi ist enorm. Vom 20 Euro-Karpfenteich-Mauerblümchen bis zum 200.000 Euro teuren Prachtkarpfen ist alles möglich. Der Konkurrenzdruck ist groß, eine Entwicklung, die Herr Matsuda auch kritisch sieht.

 

Als ich klein war galt ein 60cm langer Koi schon als groß. Jetzt wetteifern die Züchter darum, Koi zu produzieren, die 80, 90 cm und größer sind. Wenn man die Wassertemperatur auf 28 Grad hochheizt und den Koi 6-8 mal täglich Futter gibt, kann man sie innerhalb von einem Jahr auf eine Größe züchten, für die man früher drei Jahre gebraucht hätte.“ 

Solche „Jumbo-Koi“ können bis zu 30 kg wiegen.

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Ein stolzer Koi-Züchter vor seinen Siegerurkunden. Herr Matsudas Brokatkarpfen haben schon einige Schönheitswettbewerbe gewonnen.
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Ein Mensch nähert sich dem Becken! Vielleicht hat er ja was Leckeres dabei?! Koi werden oft so zutraulich, dass sie sich streicheln lassen, oder auch aus dem Becken heraus „ihrem Menschen“ kleine Küsschen geben.

 

 

Zu den Zeiten von Japans starkem Wirtschaftswachstum waren reiche Japaner die Hauptkunden der Matsuda-Koi-Farm. Inzwischen exportiert Herr Matsuda seine Zierfische vor allem an Koi-Liebhaber im Ausland.

Doch eine Angst bleibt: dass sich wieder ein so schweres Erdbeben ereignen könnte, wie im Jahr 2004. Damals traf das sogenannte Chûetsu-Erdbeben  die Provinz Niigata mit einer Stärke von 6,8. Herr Matsuda war zum Zeitpunkt des Bebens in seinem Wohnhaus in der Stadt Nagaoka. Sein verzweifelter Versuch, die Koi aus den von Erdrutschen verschütteten Naturteichen im Dorf Yamakoshi zu retten, schlug fehl.

Von mir zu Hause bis nach Yamakoshi sind es mit dem Auto ca. 25 Minuten. Aber wir mussten außerhalb vom Dorf darauf warten, dass man uns hinein ließ. Es dauerte ewig bis wir an die Reihe kamen. Am Ende konnten wir keinen einzigen unserer Koi mehr retten.“

So wie der Karpfen aus der chinesischen Legende, der ohne Aufzugeben den Wasserfall hinaufschwimmt, so hat auch Herr Matsuda nach dem verheerenden Erdbeben den Wiederaufbau seiner Koi-Farm geschafft. Ein finanzieller und psychischer Kraftakt, um das über 100 Jahre alte Familienunternehmen zu erhalten.

 

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Doch manchmal fragt sich Herr Matsuda wohl auch, weshalb er all das auf sich genommen hat: “ Nein ,meine Kinder werden die Koi-Farm nicht übernehmen. Sie sind in die Präfekturhauptstadt gezogen, haben sich dort Häuser und ein eigenes Leben aufgebaut. Sie kommen kaum noch hierher. Für mich ist das sehr schmerzhaft. Es ist einfach unglaublich schade um all das hier.“

 

Wer mehr über Geschichte und Gegenwart der Koi-Zucht in Japan erfahren will: auf Bayern2 radioWissen gibt es den Podcast zu meiner Sendung Der Koi – Kraft und Schönheit des Brokatkarpfens

Und für diejenigen, die sich bereits ein Koi als Haustier wünschen: Hier gehts zur Matsuda-Koi-Farm. Herr Matsudas Fische reisen von ihrer Heimat Yamakoshi in die ganze Welt!

 

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